Der „Mehmet-Scholl-Sieg“

Jan Trenner 24.10.2012

Lille OSC - FC Bayern (0:1) im Vereinsheim München

Bei der Betrachtung des Spiels möchte ich ein wenig stärker auf einige Punkte eingehen die sich gut aus den Spielerstatistiken ergeben. Helmi hat einen wichtigen Anstoß gegeben und da dieser Blog auch für mich etwas Neues ist, werde ich weiter experimentieren und auf Feedback hoffen. WhoScored.com bietet eine tolle Übersicht und erlaubt den Vergleich mit Auftritten in der Bundesliga.

Solide Defensivleistung

SpielerPässeerfolgreiche Pässe
Philipp Lahm4683%
Jerome Boateng3977%
Dante4591%
Holger Badstuber3786%
Daten via WhoScored.com

Bis auf die letzten 20 Minuten (und weil die Null steht auch da noch) hat die Abwehr für mich einen sehr ordentlichen Job gemacht. Mit Passquoten um die 80% – und einer erneut hervorragenden Leistung von Dante – kann man sehr zufrieden sein. In der ersten Halbzeit hatte ich keine Sorgen und war eher erstaunt über den Platz den Philipp Lahm bekam und auch ausnutzen konnte. So kam es dann zum Strafstoß und dem verdienten Führungstor. Badstuber hat einige Vorstöße gezeigt, aber hält sich weiterhin zurück. Ein etwas offensiverer linker Außenverteidiger hätte unserem Spiel gut getan, Franck Ribery mehr entlastet und eventuell Freiräume ermöglicht. Zum Glück haben wir so einen Spieler mit David Alaba auf der Bank.

Die Aufregung zum Ende des Spiels möchte ich nicht auf unsere Defensive zurückführen. Dort wurde gearbeitet, geackert und verteidigt. Ballverluste im Mittelfeld und ein schlampiger Spielaufbau stärkten die Franzosen unnötig und brachten sie zurück ins Spiel. Die Einwechslung von Luiz Gustavo in der 81. Minute entspannte die Lage etwas und mein Puls schrie nicht mehr »Nun pfeif doch endlich ab!«.

Schwache Mittelfeldakteure

Der Schlüssel zum Nichterfolg bzw. zu den Unsicherheiten in der zweiten Halbzeit lag für mich am durchwachsenen Abend für unser Mittelfeld und deren Zusammenspiel mit der Offensive. Javi Martínez bekam, wie schon Zuhause gegen Valencia, den Vorzug in der Startelf und erlebte eine unauffällige erste Hälfte. Heynckes attestierte ihm eine schwache erste und stärkere zweite Halbzeit. Mit seinem charakteristischen Laufstil gefiel er mir nach dem Seitenwechsel besser. Seine gelbe Karte geht in Ordnung, denn einen Glasmensch braucht man auf der Sechs nicht. Er könnte sich ruhig noch ein wenig mehr trauen, denn seinen Trainingsrückstand sollte er langsam aufgearbeitet haben und die nächsten Spiele bringen hoffentlich die benötigte Sicherheit. Doch auch der sonst so präsente Schweinsteiger blieb unscheinbar. Ich erinnere mich noch gut daran wie Florian nach etwa 10 Minuten gefragt hat: »Spielt der Bastian heute überhaupt?«.

SpielerPässeerfolgreiche Pässe
CL: Lille - FC Bayern München
Bastian Schweinsteiger6987%
Javi Martínez6285%
Bundesliga: FC Bayern München - Hoffenheim
Bastian Schweinsteiger10887%
Javi Martínez5876%
Daten via WhoScored.com

Vergleicht man das Champions League Spiel in Frankreich mit dem Auftritt des Duos Schweinsteiger/Martínez in der Bundesliga gegen Hoffenheim wird deutlich was ich mit Präsenz meine. So wenige Pässe spielte Bastian zuletzt gegen Bremen (64) und auch dort zeigte der FC Bayern München nicht seine beste Seite. Seit langer Zeit ist seine Passquote und Präsenz ein ausschlaggebender Punkt für unseren Erfolg. Meiner Meinung nach hat man auch in Weißrussland deutlich gesehen wie wichtig Schweinsteiger für unser Spiel und die Moral ist.

Andi fasst in seinem Blog die Leistung und den Stellenwert unseres zweiten Kapitäns gut zusammen:

Und wäre der gestern erneut schwache Schweinsteiger – wie ich annehme – für den Geist der Mannschaft nicht so wichtig, könnte dieser ruhig auch mal ein Spiel lang hinausrotiert werden.

»Herausrotiert« klingt für mich prinzipiell gut, aber als offensiven Sechserpart sehe ich ihn alternativlos. Toni Kroos fühlt sich weiter vorn sehr wohl und die Kombination Martínez/Gustavo wäre gestern Abend zu Defensiv gewesen. Ich bin gespannt wie sich das entwickelt und ob meine Theorie der Pässe auch künftig zutrifft.

Immer ein Stück zu kompliziert

Die Geräuschkulisse und Bargespräche im Vereinsheim haben schön gezeigt wieso nicht viel nach Vorne lief. Öfters haben wir »Ohh, man!«, »Nach Rechts/Links, oohh« oder ein einfaches »Macht’s doch nicht so kompliziert« gehört. Mein erstes Fazit nach Abpfiff und dem letzten Schluck Weißbier war: »Ein Spiel ohne Torchancen trotzdem gewonnen«.

Dieser Spruch ist gar nicht so weit hergeholt, denn Mandzukic hat wie auch Ribery keinen, Toni Kroos immerhin einen und Thomas Müller ganze zwei Schüsse auf das gegnerische Tor abgegeben. Zum Glück erzielte er den Treffer beim Elfmeter. Das können wir also doch noch und ich möchte nicht wissen wie es ohne das Führungstor weitergegangen wäre.
Wie zu Beginn schon erwähnt konnten wir im gesamten Verlauf nichtmehr unser schönes Passspiel aufbauen und darüber zu gefährlichen Aktionen kommen. Die Leistungsbereitschaft fand ich dennoch gut und Francks Trikotfarbe wechselte schnell von weiß zu grün. Das lag einerseits an seinem Einsatz, aber auch an der stellenweise sehr zerstörerischen Spielweise der Franzosen. Die Verteilung der gelben Karten (3:5) ist dabei eher in die Kategorie »lächerlich« zu schieben. Zum Glück hat sich niemand verletzt und Riberys Auswechslung war reine Vorsichtsmaßnahme. Der sonst so starke Shaqiri ließ Impulse ebenfalls vermissen. Wie gesagt: alles eine Nummer zu kompliziert und vom stärker werdenden Lille unterbunden.

So war es alles in allem – wie Thomas Müller in einem Interview sagte – wohl doch ein „Mehmet-Scholl-Sieg“. Knapp und hart erarbeitet, aber sehr wichtig. Schon am 7. November erwarten wir die Franzosen in München und der anschließende Bericht wird wieder mit Bildern aus dem Stadion geschmückt sein.

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